Worin der Widerspruch liegt.
Was er verändert.
Die Biografie baut auf Forschungen auf, die Marcs geistige Entwicklung, Marias eigene Arbeit und die Bedingungen des gemeinsamen Lebens erschlossen haben. Ihr Einwand trifft ein bestimmtes Urteil: Wie ist Marias Kritik zu bewerten, wenn sie einen tragenden Schluss in Franz’ Kriegsbegründung angreift? Daraus entwickelt Sive eine weitere Frage nach den ungleichen Möglichkeiten, ein gemeinsames Vorhaben zu verändern.
Katja Förster: Wessen Denken setzt den Maßstab?
Förster zeigt, dass Franz Marias künstlerische Kritik aufnehmen und zugleich an seiner Kriegsdeutung festhalten konnte. Sive baut auf dieser Unterscheidung auf. Sie widerspricht dem Urteil über Marias Auseinandersetzung mit dem umstrittenen Aufsatz, Franz’ Formwillen und seinem Christentum. Auf S. 271 ihrer Dissertation nennt Förster Marias Antworten „knapp und merkwürdig oberflächlich“. Für Sive entscheidet die begrenzte Reichweite der überlieferten Antworten noch nicht über die Kraft des einzelnen Arguments: Marias Einwand kann die Rechtfertigung von Gewalt treffen, ohne jeden Teil von Franz’ Position zu behandeln.
Nun muss Franz’ Philosophie Marias Einwand beantworten. Eine mögliche Antwort könnte dem Leiden einen Sinn kollektiver Sühne zuschreiben, der über seine unmittelbaren Folgen hinausreicht. Die Biografie prüft dies als mögliches Argument, nicht als zusätzlich überlieferten Brief. Auch dann bleibt zu begründen, weshalb der dem Leiden zugeschriebene Gewinn die verursachende Gewalt rechtfertigen soll. Marias eigene religiöse und moralische Voraussetzungen bleiben ebenso der Kritik zugänglich.
Am 11. April lehnte sie eine Reinigung durch das Böse ab: Es könne „keine reinigende Wirkung durch etwas Böses“ geben. „Das ist, als wenn man den Teufel mit dem Belsebub austreiben wollte. Da muß man am andern Ende anfangen.“
Biografie, Kapitel 18, S. 112; Marias Worte sind darin als Zitat gekennzeichnet. Die Hervorhebung wurde für diese Website ergänzt. Primärquelle zur Forschungsdiskussion: Katja Förster, Auf der Suche nach einem vollkommenen Sein, besonders S. 266–271 ↗.
Was sich durch Marias Urteil tatsächlich änderte
Maria konnte Korrekturen vornehmen und erhielt die Befugnis, einen Titel ohne erneute Rücksprache zu ändern. Am 7. April erklärte Franz die Rücknahme von „II“. Diese Belege zeigen, dass ihr Urteil konkrete Vorhaben berührte. Sie entscheiden noch nicht, welcher Herausgeber anschließend welche Anweisung erhielt. Die Biografie trennt deshalb eine nachgewiesene Befugnis, eine erklärte Entscheidung und deren Ausführung. Erst so lässt sich bestimmen, wie weit Marias Urteil praktisch wirkte.
Robert J. Richards: Die Stimmigkeit, die eine Biografie schafft
Richards verteidigt die Biografie als Weg, Erfahrungen und Ideen eines Menschen kausal zu erklären. Eine vollständigere Erklärung bleibt für ihn ein Ideal; historische Darstellungen können überarbeitet werden. Sive betont stärker, welche Alternativen die Quellen offenlassen. Marcs Aussage über Form im April kann etwa einen Wandel seiner Ansicht belegen oder den Ursprung eines Impulses von der Arbeit am fertigen Werk unterscheiden. Die Entscheidung zwischen diesen Lesarten verändert die Geschichte. Die Biografie macht sie deshalb ausdrücklich zum Teil ihres Arguments.
Primärquelle: Robert J. Richards, „The Role of Biography in Intellectual History“, besonders S. 298–301 ↗.
Kimberly A. Smith behandelt Marias Briefe und spätere Beschriftungen als produktive Arbeit an Beziehungen, Zuschreibungen und der Überlieferung. Hoberg, Brigitte Salmen und Sandra Uhrig erschließen sie als Künstlerin, Briefpartnerin und Nachlassverwalterin. Diese Geschichte reicht weit über die Ehe hinaus: 1922–23 lernte Maria in der Webklasse des Weimarer Bauhauses. 1952 wurden elf ihrer Webarbeiten neben Zeichnungen aus Franz’ letztem Skizzenbuch ausgestellt. Ihr eigenes Werk und die Sorge für seines begegneten sich in einer Ausstellung. Davis und North schärfen den Blick für die Vereinbarungen hinter künstlerischer Arbeit; Zelizer für Zahlungen innerhalb persönlicher Beziehungen.
Nachzulesen in „Die Fragestellung dieses Buches“, S. 5–6; Kapitel 8, S. 48; Kapitel 18, S. 112–124; und „Quellen, Methode und die Entstehung dieser Biografie“, S. 229–233.